Predigt zur Beerdigung von Stefan

Stefan Scheuerl, Pfarrer in Lauben, Samstag 6. September 2008

Liebe Eltern und Großeltern, lieber Rainer und Dietmar, liebe Cathrin, liebe Verwandte und Freunde,

Jetzt ist es genau eine Woche her, dass Stefan abgestürzt ist. Sieben Tage sind schon vergangen, aber es ist alles doch noch sehr frisch. Wir sehen ihn vor uns, wie er war, mit seiner unglaublich freundlichen und gewinnenden Art. Sein Talent im Umgang mit Kindern. Sein Herz für Kinder und Jugendliche, deren Kindheit ganz anders war, als seine. Sein Engagement im CVJM. Seine Treue! Seine Fähigkeit, still zu sein vor Gott und der Welt. Sein tiefer, ehrlicher Glaube an Jesus. Ein wunderbarer Mensch.

Wir sehen ihn vor uns, heute vor einer Woche, wie er am Fels hoch klettert, himmelwärts; er steigt allein. Die Sonne scheint. Klettern ist ein Traum. Man überwindet die Schwerkraft. Man überwindet sich selbst. Er weiß wie man es macht. Er hat Kraft in den Armen. Der Pfad ist nicht schwer, die Bewegungen sitzen.

Aber da, kurz vor dem rettenden Haken tut er einen falschen Griff. Ein kleiner Fehler. Und er fällt und fällt und fällt sechs Meter tief. Euer Entsetzen, Dietmar und Cathrin, wie er da vor euch lag. Euer Bangen und Beten und nach ein paar Stunden die Gewissheit: Stefan ist nicht zu retten. Er ist tot. Schrecklich.

Und bei seinem Fallen gibt es einen tiefen Riss in unserem Innern.

Den haben viele gespürt und spüren ihn vielleicht sogar jeden Tag mehr. Mit Stefan haben wir etwas verloren, was man nicht ersetzen kann. Wir in Lauben hatten ihn in der Vergangenheit. Ihr in Betzenstein, Sie, liebe Cathrin, hatten die gemeinsame Zukunft, gemeinsam Berge erklimmen, gemeinsam Kinder aufziehen, gemeinsam Jesus dienen. Vielleicht sogar einmal Enkelkinder spielen sehen. Hier ist etwas zerbrochen, endgültig.

Manche von euch werden sich jetzt fragen: Was soll das. Warum lässt Gott ausgerechnet diesen wunderbaren Menschen in den Tod fallen? Hat da Beten und Glauben einen Sinn?

Diese Fragen sind sehr ernst. Und es hängt sehr viel dran, mit diesen Fragen umgehen zu können. Ich will eine Antwort versuchen.

Ich habe heute eine zweifache Botschaft an Euch, besonders die jungen Leute unter euch. Ich will euch aus dem Wort Gottes trösten und gleichzeitig herausfordern.

1. Zunächst einmal denke ich, brauchen wir alle Trost.

Ihr müsst eines wissen. Der Tod ihrer Leute war schon für die allerersten Christen, die durch Paulus zum Glauben kamen, ein großes Problem.

„Du predigst uns, dass die Toten auferstehen. Und jetzt sterben uns unsere Leute. Junge, Alte, alle. Da passt doch was nicht ganz zusammen. Wir haben schon viele beerdigt, aber noch keiner ist zurückgekommen“ So ähnlich werden die damals geredet haben.

Paulus antwortet darauf nicht irgendwie schwammig oder psychologisch, sondern glasklar in 1. Thessalonicher 4,13- 14:

„Wir wollen euch nicht im Unklaren lassen, liebe Brüder und Schwestern, wie es mit denen aus eurer Gemeinde steht, die schon gestorben sind. Dann braucht ihr nicht traurig sein wie die übrigen Menschen, die keine Hoffnung haben. Wir glauben doch, dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Ebenso gewiss wird Gott auch die Verstorbenen durch Jesus und mit ihm zusammen zum ewigen Leben führen.“

Liebe trauernde Freunde,

Es ist wichtig, dass wir einfühlsam und verständnisvoll miteinander umgehen, gerade in dieser harten Zeit. Aber das, was Paulus hier gibt ist keine einfühlsam, psychologische Antwort. So a la: Ich kann dich verstehen. Paulus redet hier wirklich glasklar. Er beruft sich auf Fakten, nicht Gefühle oder Visionen.

Er hat den lebenden Jesus selbst mit eigenen Augen gesehen. Das hat er sich nicht zusammengedichtet, das sind nicht Gedanken, die ihm im Morgengrauen einfielen, das hat er gesehen. Er hat mit Petrus geredet. Und der hat den Jesus auch gesehen nach seiner Auferstehung. Nach Grab und Leichenrede. Genauso Johannes und Jakobus. Das waren alles Handwerker und keine Geisterseher. Die standen mit beiden Beinen auf der Erde. Paulus kennt über 500 Menschen, denen Jesus nach seiner Auferstehung begegnet ist. (1. Korinter 15, 6)

Paulus, Petrus und jeder einzelne der Autoren im Neuen Testament ist sich absolut sicher: Jesus ist auferstanden. Das gilt an guten und auch an bösen Tagen. Von dieser Gewissheit ist das ganze Buch durchdrungen, von vorne bis hinten.

Jesus Christus lebt. Das ist das gewaltige Plus in unserem Leben. Und von dort aus betrachten wir alles andere: Unsere Schuld, unser Versagen und den schrecklichen Tod unseres Freundes Stefan.

Die erste Konsequenz aus diesem Satz ist tiefer Trost für uns. Paulus sagt:

„Ebenso gewiss wird Gott auch die Verstorbenen durch Jesus und mit ihm zusammen zum ewigen Leben führen.“ So steht das da geschrieben. 1. Thess 4, 14.

Die haben damals sogar ein neues Wort eingeführt für den Tod: Man sagte: Sie sind entschlafen. (1. Thess 4,14 in der Lutherübersetzung) Die Toten schlafen da bis zum Ende der Zeit. Und dann kommt ein dramatischer Event.

Und am Ende der Zeiten: „Wenn Gottes Befehl ergeht, wenn der oberste Engel ruft und die himmlische Posaune ertönt, wird Christus, der Herr, selbst vom Himmel kommen. Zuerst werden dann alle, die im Vertrauen auf ihn gestorben sind, aus dem Grab auferstehen. Danach werden wir, die noch am Leben sind, mit ihnen zusammen auf Wolken in die Luft gehoben und dem Herrn entgegengeführt werden um ihn zu empfangen. Dann werden wir für immer mit ihm zusammen sein.“ (1. Thess 4,16)

Wow, das sind Aussichten. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Wenn das alles psychologisches Gesabber wäre, dann hätte ich längst die Religion gewechselt. Aber ich kenne die Bibel in der Orginalsprache und ich habe ein Gefühl für Sprachen und sage euch: Das ist die Sprache von Menschen, die absolut gewiss sind. Und so stehe ich vor euch mit derselben Gewissheit und sage: Weint um euren lieben Freund. Drückt die Trauer nicht weg. Aber wisst: Sein Körper schläft. Seine Seele oder wie immer man das auch nennen mag, ist schon dort bei Gott angekommen. Und irgendwann kommt die Auferstehung total.

Ich habe euch nochmals das Bild mit dem Bibelspruch für das Jahr 2008 mitgebracht.

Jesus sagt in diesem Spruch: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Schaut, ihr Königs und Hauensteins, Wir stehen hier, im harten Diesseits. Vor uns, rot, ist ein kreuzförmiges Fenster. Das steht für all den Schmerz, das Blut und die Tränen. Dahinter das Licht. wunderbares Licht. Das ist noch jenseits unserer Erfahrung. Aber Jesus ist da schon durch, und er hat den Stefan da durchgerufen, durch Schmerz und Kreuz ins Licht. Wir sind hier, die sind dort. Beide rufen uns diesen Satz zu. „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“

Wenn man nun lange auf dieses Bild schaut, dann merkt man, dass dieser Schriftzug schwebt, auf einer Art Gitter genau auf der Höhe des Fensters. Der Spruch hält uns noch zurück. Aber irgendwann geht dieser letzte Vorhang auf und auch wir, die wir auf Jesus vertrauen, werden da durch gehen. Glaubt ihr das? Ihr müsst das glauben, denn es ist wahr!

2. Und nun die Herausforderung.

Liebe Jungen Leute, liebe Erwachsene, all die, die ein offenes Herz für Christus haben.

Vor ein paar Wochen, am Laubener ‚Backuchafescht‘, habe ich über den Satz gesprochen: „Es ist aber nahe gekommen das Ende aller Dinge.“ (1. Petrus 4,7) Dabei habe ich eine Sanduhr vorgezeigt und euch geraten, so eine Sanduhr mit in den Urlaub zu nehmen. Sich im Gebet folgende Frage stellen: ‚Was, lieber Gott, mache ich mit dem Rest meines Lebens, denn es wird jede Stunde kürzer. Was willst du von mir, denn meine Uhr läuft unaufhaltsam ab. Wofür soll ich mich einsetzen?‘

Meine Frau hat für mich dann am Bachkuchafescht eine schöne kleine Sanduhr auf dem Flohmarkt gekauft. Ich hatte sie oft in meinem Rucksack, und habe sie vor mir auf einem Felsen aufgestellt, wenn ich am Strand gebetet habe. Vergangenen Samstag war sie plötzlich kaputt. Eine kleine Unachtsamkeit. Niemand weiß so recht, wie es passiert ist. Mein Freund sagte noch zum Spaß: Jetzt ist die Uhr abgelaufen, für immer.

Als ich von Stefans Tod erfuhr, am Sonntag, war ich selbst gerade kurz unterhalb eines Berggipfels in Korsika. Sofort fiel mir die Sanduhr ein. Zu Hause habe ich sie aus dem Müll gekramt, und mir kam der Gedanke:

Wir sind nicht auf der Welt, um unsere Zeit abzusitzen, bis irgendwann die Sanduhr unseres Lebens abgelaufen ist. Das ist mir beim Beten und Nachdenken ganz klar geworden. Wir haben von Gott nicht nur das Versprechen, dass wir in den Himmel kommen, sondern wir haben auch eine Aufgabe, solange wir hier sind.

Stefan hatte ein Herz für Kinder. Wieviel vernachlässigte Kinder gibt es, die dringend Väter suchen, die für sie da sind. Stefan hat seine Berufung erkannt. Und er hat sich drauf eingelassen.

Dieser Platz, den der Stefan hinterlassen hat, muss ausgefüllt werden. Und nicht nur ausgefüllt, sondern vielfach ausgefüllt.

Jesus ist heute unter euch auf der Suche nach Menschen, die sich ihm nicht nur ganz und gar anvertrauen, sondern die sogar bereit sind, ihr Leben in den Dienst von Jesus zu stellen. Mit Haut und Haar. Paulus sagt im Philipperbrief 3,13. „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, das da vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Kleinod der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“

Christliches Leben ist mehr als nur empfangen und genießen. Echte Erfüllung finden wir nur, wenn wir auch unsere Aufgabe erfüllen, die wir von Gott bekommen haben. Das muss man erst einmal für sich herausfinden, nicht jeder weiß das gleich. Aber eines ist sicher: Jeder unter euch hat von Gott eine ganz persönliche Berufung zum Dienst an Menschen. Das wird bei jedem ein anderer Dienst sein. Nicht jeder ist zur Arbeit mit Kindern berufen. Aber jeder ist zu einem Dienst berufen.

Wenn es nur ein paar Leute gibt, die dieser Berufung nachgehen, so wie Stephan es gemacht hat, dann sieht die Welt anders aus.

Amen

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