Im Kulturschock angekommen

Westport, 16.03.09

Hallo liebe Freunde, Verwandte, Bekannte und Weniger-Bekannte!

Echt krass, wie schnell die Zeit vergeht – ich bin nun naemlich schon einen Monat hier… Da wird es Zeit, mal wieder aus meinem Leben berichten, das leicht von einem ersten Kulturschock angehaucht ist. Deshalb vorab – mir geht es grundsätzlich echt gut! J

 

 

Von Montags bis Freitags bin ich in der Regel im Büro, wobei ich zwischendurch immer wieder Treffen mit Pastoren, CVJM-Direktoren oder anderen Leuten habe. Manchmal gibt’s dabei Essen (v.a. Pizza), das wie auch in Privathäusern, von Papptellern und co gegessen wird. Als feste Termine haben sich ein Staff-Meeting mit meinem Chef und einem Freiwilligen am Montagmorgen, dem Gebetsfruehstück am Donnerstagmorgen, dem TeenCenter in einer umliegenden Schule am Donnerstagnachmittag, dem „Purpose Driven Life“-Kurs (ist ein Buch über den Sinn unseres Lebens, sehr zu empfehlen!) am Donnerstagabend und dem Staff-Meeting des CVJM Norwalk am Freitagvormittag. Alle andere Zeit ist sehr flexibel und teilweise sehr chaotisch (Mitorganisation des Karfreitags-Gebetsfrühstück, dem Jahreshighlight des C-Projects, oder Organisation des Sommertrips von 10 Jugendlichen nach Europa im Sommer), woran ich mich echt erst noch gewöhnen muss… Denn in diesen Zeiten bin ich sehr unproduktiv im Büro, was kein  Wunder ist, wenn mein Chef lauthals telefoniert, ein anderer wild rumkopiert und alle 5 Minuten jemand an unserer offenen Bürotür vorbei kommt und irgendetwas möchte. Doch ich lerne, den hiesigen Lebensstil „easy going“, „that’s fun“ und „be yourself“ mehr und mehr anzunehmen anstatt mich stressen und überfordern zu lassen (das hat nämlich in meiner zweiten Woche hier zu einem regelrechten Heulnachmittag geführt…). Überhaupt ist hier alles immer amazing, good, wonderful, cute, great, pretty… – ein Ausdruck der amerikanischen Oberflächlichkeit, mit der ich noch zu kämpfen habe. Denn irgendwie scheint es hier keinen zu interessieren, wie’s mir wirklich geht, was ich so mache, wo ich herkomme… wie auch immer. Das hatte ich in dem Maße nicht erwartet. Diese Tatsache ist für mich besonders schwierig, da ich noch nicht wirklich Leute in meinem Alter kennen gelernt habe und mich deshalb oft einsam fühle. Umso dankbarer bin ich jedoch, dass ich mich mit Jill und Michelle, meiner Gastfamilie, sehr gut verstehe und wir schon ein paar Mal schoppen waren oder Ausflüge unternommen haben.

 

So waren wir z.B. vergangenes Wochenende in New Haven, wo wir an einer Führung durch die Eliteuni teilgenommen haben. Das war echt der Wahnsinn und ich bin wirklich etwas neidisch geworden, nicht an so eine herrlichen (und das meine ich nun ernst!) Platz studiert zu haben. Allerdings war mein Studium auch wesentlich günstiger… J Im Anschluss daran sind wir zur Geburtstagsfeier von Jills Schwager Madison gefahren. Die Zeit dort hat sich allerdings als relativ unspektakulär erwiesen, da die Erwachsenen fast alle den ganzen Nachmittag über irgendwelche Sportsendungen geschaut haben (Schock!). Dankbar war ich, dass sich die Schwiegermutter mit mir unterhalten hat und ich gegen Abend auf einem uralten, verstimmten Klavier etwas spielen konnte.

 

 

 

Am vergangenen Sonntag bin ich nach dem Gottesdienst mit Michelle zur Küste geradelt. Ich kann dir gar nicht sagen, was für ein unbeschreibliches Gefühl das war, endlich mal wieder frei, flexibel und nicht von jemand anderem abhängig zu sein, dass er mich irgendwo hinfährt, um die Gegend zu erkunden – Wahnsinn! Überhaupt ist die Küste als Seitenbucht des Ozeans ein sehr schöner Ort, wenn auch die ganzen Hundebesitzer mit ihren Hunden die Strände säumen. Dazu muss ich sagen, dass Haustiere hier einen enormen Stellenwert haben und als vollwertige Familienmitglieder zählen, die organic foot vom Feinsten bekommen, uebertrieben liebkost, gepflegt usw. werden. Wegen unserer Hündin Meggy z.B. sind wir vergangenen Sonntag nicht nach New York gefahren, damit sie nicht zu lange allein ist, weil Jill die ganze Woche über außer Haus gearbeitet hat (dafür fehlt mir irgendwie das Verständnis…).

 

 

Ein weiteres Highlight der vergangenen Tage war meine Zugfahrt nach New York am vergangenen Mittwoch. Das war auch unbeschreiblich, weil ich mal alleine was gemacht hab… D.h. ich hab mich dort mit einer Deutschen, Benita (zweite von rechts), getroffen, die die letzten zwei Monate dort ein Praktikum in der UN gemacht. Die Begegnung mit ihr war echt schön und voll witzig, da wir zusammen mit ein paar ihrer Kollegen Aethiopisch Essen gegangen sind (super lecker) und viel Spaß zusammen hatten. Sehr dankbar bin ich für die Bewahrung auf dem Rückweg, als ich gegen 23h vom Zug aus nach Hause gelaufen bin – 3km die Straße entlang, weil ich die Entfernung unterschätzt hatte…

 

Eine weitere schöne Begegnung hatte ich mit Diana, einer Deutschen, die mit ihrem albanischen Mann seit 18 Jahren hier in den Staaten lebt. Ihren Sohn hatte ich in meiner ersten Woche hier im CVJM kennen gelernt und dadurch Kontakt zu dieser Familie bekommen. Vor drei Wochen hab ich einen ganzen Nachmittag und Abend mit ihr verbracht, am Strand von Norwalk, in einer Kneipe (hier beim Marshmello-Grillen), bei ihr zu Hause,… Die gemeinsame Zeit war echt intensiv, weil wir gute Gespräche hatten und – trotz des Altersunterschieds – sofort auf einer Wellenlänge waren. Ich möchte sie gerne in den Alphakurs einladen, einem 10-Wochen-Einführungskurs in den christlichen Glauben (sehr zu empfehlen!), der Mitte April in der Gemeinde meiner Gastfamilie beginnt. Vielleicht gehen wir auch jede Woche vor der Arbeit im CVJM zusammen schwimmen…

 

Überhaupt werde ich hier noch zur Sportskanone: Samstags gehe ich vormittags im CVJM zur Zumba-Klasse (http://www.zumba.com/us), das ist eine Art HipHop, Salsa und Aerobic-Gemisch, was voll Spaß macht – wenn ich mich im Fortgeschrittenenkurs auch noch etwas überfordert fühle. Danach gehe ich meistens in die Sauna und in den Whirlpool, wo ich gestern eine super Begegnung mit Jan hatte. Waehrend wir so nebeneinander sassen sind über mein Praktikum hier ins Gespräch gekommen. Er war echt super interessiert und ich hoffe, ihn und vielleicht sogar seine Frau noch mal treffen und mehr über die Arbeit des C-Projects erzählen zu können. Ansonsten hab ich auch schon Spinning, Pilates und klassisches Fitnessstudio ausprobiert, was mir schon den einen oder anderen Muskelkater  beschert hat…

 

So, und nun zum Abschluss wieder einige Kuriosiäten, die mir das Leben hier erschweren, erleichtern oder was auch immer, so lange ich sie mit Humor sehe:

     Meine Gastschwester Michelle lässt für gewöhnlich die Autotüre offen, wenn sie (IMMER) noch mal zurück muss, um ihre Kontaktlinsen zu holen, den Hund noch mal kurz rauszulassen etc., so dass ich mir den Ast abfriere… was ich in den schlecht isolierten Häusern hier mit schlechten Heizungen oder nur Standheizungen eh schon die ganze Zeit tue.

     Hier werden Kartoffeln in der Mikrowelle gegahrt – keine Ahnung, wie das funktioniert und halbrohes Fleisch mit Apfelmus gegessen.

     Interessant ist auch, dass schon fertige Sachen in der Mikrowelle zwar aufgewärmt werden, bis man letztendlich zum Essen kommt aber wieder kalt sind.

     Fruitshopping bedeutet in einen Laden mit lauter Vitamintabletten zu gehen J.

     Bei Mullers gibt es verhältnismäißg viel frisches Obst und Gemüse. Allerdings lagert das manchmal so lange im Kühlschrank, das ich es nicht mehr essen würde… es aber dennoch seine Verwendung findet, z.B. in Form von Erdbeermilchshakes.

     Mein neues Lieblingsgetränk ist leckeres Chlorwasser aus der Leitung.

     Dieses Vorurteil stimmt: Amis lieben ihre Thermosbecher, weshalb wirklich jedes Auto einen Becherhalter hat!

     Hier ist wirklich alles anziehbar und man braucht sich um nichts zu schämen: sei es Jogginganzug in den Gottesdienst oder Schlafanzugshose beim Eislaufen.

     Die angedeutete Oberflächlichkeit der Amis zeigt sich darin, dass die Dialoge über folgende Konversation nicht hinausgehen: „How did you came here?“ -„Have you ever been in the States?“ – „What are you doing here?“ – „How long are you here?“… und das war’s, dann bleibt den Amis nur noch eines zu sagen: „Nice to meet you!“

     Es lebe die Flexibilität, was Computer angeht – da kann man nur fit im Hirn bleiben:
o zu Hause hab ich einen Mac
oauf der Arbeit einen Vistarechner mit Office 2007
omein Chef hat Windows XP mit Office 2003
ound das logischerweise alles auf Englisch
odazu kommt noch die andere Tastatur, was immer wieder sehr verwirrend und zu einigen Hieroglyphen führt – die deutsche Sprache hat wirklich viele Umlaute…

     Hier in Uebersee scheint es nur in jedem fuenften Bathroom eine Klobuerste zu geben – dementsprechend sehen die Toiletten auch aus…

     Amis schaetzen Familie sehr und besonders meine „Verehrer“ (alle Rentner im betagten Alter) im Gebetsfruehstuck schwärmen jede Woche aufs Neue sehr von ihren Kindern, Enkeln und Frauen. Das is echt der Wahnsinn! Uebrigens, an den Kosenamen Honey und Sweety gewoehne ich mich so langsam… Ihr Kommentar dazu: „Du koenntest die Tochter von uns allen sein!“

 

Ja, und wenn es dich interessiert darfst du gerne noch folgende Informationen ueber „meinen“ Bundesstaat Connecticut lesen.

     trägt seit 1959 den offiziellen Beinamen „The Constitution State“ und wird auch „Provision State“ genannt. Diese Bezeichnung rührt daher, dass während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges die Kontinentalarmee von Connecticut aus mit Proviant versorgt wurde; der Bundesstaat erlebte kaum Kämpfe im Land.

     grenzt im Norden an Massachusetts, im Osten an Rhode Island, im Süden an den Long Island Sound und im Westen an New York.

     der drittkleinste Bundesstaat der USA, mit ca. 3,3 Mio. Einwohner aber sehr dicht besiedelt.

     liegt im Nordosten der USA am Atlantischen Ozean und wird vom größten Fluß Neuenglands durchflossen, dem Connecticut River. Ein Teil der Appalachen bildet die höchsten Erhebungen (Mount Frissell 725 m) des Staates.

     ist ein „Wohnstaat mit Vorortcharakter“, da hier beschauliche ländliche Gegenden (in mein er Nähe hab ich sie noch nicht gefunden) und traditionelle Kleinstädte in scharfem Gegensatz zu seinen Industriestädten stehen.

     wird auch das „land of steady habits“ genannt, denn hier leben die typischen (konservativen) Yankees, was der Spitzname für die Bewohner Neuenglands im Norden der Vereinigten Staaten ist.

     Neuengland“ bezeichnet den Ursprung der englischen Besiedlung in den weiteren nordamerikanischen Staaten New Hampshire, Maine, Massachusetts, Rhode Island und Vermont. Der Begriff geht auf den Söldner und Abenteurer John Smith zurück, der dieses Gebiet um 1614 eingehend bereiste, erkundete und anschliessend in seinem Buch A Description of New England ausführlich beschrieb.

     die 6. größte Stadt dieses Bundesstaates ist mit knapp 88.000 Einwohnern Norwalk – mit herrlichen Straenden, in der ich arbeite und in der es ein sehr starkes Gefälle zwischen reich und arm gibt (so befindet sich z. B. gleich hinter dem Stadtteil So(uth)No(rwalk) der Stadtteil Rowayton, in dem ein großes Boot an das andere gereiht ist und die Häuser inklusive Grundstücke alle sehr groß sind. Weitere Infos gibt’s unter http://www.norwalkct.org.

     in ca. 8km Entfernung Richtung Osten befindet sich die Stadt Westport, in der ich wohne. Sie ist verhältnismäßig wohlhabend, was man allein schon an der „Main Street“ mit ihren tollen Boutiquen (im Hintergrund) sieht. Weitere Infos gibt’s unter http://www.westportct.gov/default.asp.

     Beide Staedte gehören zum sog. Fairfield County, wie der Bezirk hier heißt. 

Ja, soviel für heute von mir!

 

Herzlichen Dank für alle Unterstützung und lieben Gruesse, die mich bereits erreicht haben,

sei(d) gesegnet, deine/ eure

Rebekka<>< Wagner

 

 

 

P.S.: Wir suchen hier Freiwillige aus Europa, die hiesige YMCA-Sommercamps unterstützen. Naehre Infos unter http://www.cvjm-ag.de/644.html.

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