Konsultation zum EKD-Familienpapier und 7 Thesen

Heute fand in Berlin eine Konsultation zum EKD-Familienpapier statt. Dabei haben Wilfried Härle, Klaus Tanner, Friedrich Horn und Christine Gerber Vorträge zum Thema gehalten.

Heinrich Bedford-Strohm, der Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, schreibt dazu, dass es eine hervorragende Konsultation heute in Berlin zum EKD-Familienpapier gewesen sei: „Das Symposion wird uns weiter bringen. Wahrnehmungen, als werde hier mit der Orientierungshilfe ohne Diskussion von oben einfach ein Kurswechsel vollzogen, als werde das Leitbild Ehe und Familie aufgegeben oder als werde die Bindung an die Bibel preisgegeben, wurden von Wilfried Härle, einem scharfen Kritiker des Papiers, ausdrücklich als Fehlwahrnehmungen anerkannt. Dafür bin ich sehr dankbar, weil wir nun von der Diskussion um die richtige Auslegung des Familienpapiers verstärkt zur Diskussion unserer eigenen Position übergehen können.“

Bedford-Strohm hat 7 Thesen verfasst, die seinen Erkenntnisstand zum Thema zusammenfassen:

  1. Die in der Orientierungshilfe erläuterten verbindlichen Grundorientierungen für das Zusammenleben in Partnerschaft und Familie wie Treue, Verlässlichkeit und Rücksicht, sind unstrittig.
  2. Die Ehe ist für uns Leitbild und bleibt Zukunftsmodell für das Zusammenleben in Partnerschaften. Der Begriff „Leitbild“ bedeutet aber nicht Abwertung anderer Formen des Zusammenlebens, sondern er setzt voraus, dass es auch andere legitime Formen des Zusammenlebens gibt, die sich im Hinblick auf die darin gelebten Grundorientierungen am Modell Ehe orientieren.
  3. Für die Ehe als institutionelle Form zu werben, ist sinnvoll, weil wir unsere Formen für verbindliches Zusammenleben nicht jeden Tag neu erfinden können. Gleichzeitig muss klar sein, dass die Form kein Selbstzweck ist. Mit guten Gründen vertreten wir z.B. keine patriarchale Ehe als Leitbild, denn die damit verbundene Missachtung der Würde von Frauen widerspricht – wie wir in einer langen Lerngeschichte erkannt haben – zentralen biblischen Maßstäben. Die Form kann also nicht losgelöst von ihrer Gestaltung gesehen werden.
  4. Eine wache Wahrnehmung heutiger Formen des Zusammenlebens und die daraus entwickelte lebensnahe Ethik heißt nicht unterschiedslose Anerkennung aller Lebensformen. Wer etwa die Lebensabschnittspartnerschaft zum Programm macht, kann nicht auf den Segen der Kirche hoffen.
  5. Christliche Grundorientierungen sind gegründet in der Bibel als der Ur-Kunde, die Jesus Christus bezeugt. Was dieses Zeugnis für die Gestaltung unseres Zusammenlebens bedeutet, kann nicht anhand einzelner Bibelstellen festgemacht werden. Es muss sich auf Kernaussagen der Bibel gründen. Nach dem Zeugnis der Evangelien nennt Jesus selbst zwei Hinweise darauf, was er als den Kern seiner Ethik ansieht: Die von Jesus gebrauchte Formel „Das ist das Gesetz und die Propheten“ findet sich nur an zwei Stellen im Neuen Testament: beim Doppelgebot der Liebe (Gott lieben und den Nächsten lieben – man kann es auch Dreifachgebot nennen, weil auch die Selbstliebe genannt ist) in Matthäus 22, 37-40. Und bei der Goldenen Regel („Alles was ihr wollt dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“) in Matthäus 7, 12. Das hat klare Konsequenzen. Eine Ethik, die sich auf Jesus berufen will, muss menschennah sein. Sie muss sich in die Situation der Menschen hinein versetzen, die von den Dingen betroffen sind, über die geredet wird. Wenn wir über Patchworkfamilien, über Alleinerziehende, über homosexuelle Partnerschaften reden, dann können wir das gut biblisch nur im Lichte der Goldenen Regel tun. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Familienverbände, die die Familienfragen besonders nah an den betroffenen Menschen bedenken, fast einstimmig die Orientierungshilfe begrüßt haben.
  6. Die Orientierung an Liebesgebot und Goldener Regel hat auch Konsequenzen für unsere Beurteilung der Homosexualität. Denn die Goldene Regel gibt mir als Leitfrage mit auf den Weg: Wie würde es mir selbst damit gehen, wenn ich als gleichgeschlechtlich Liebender gesagt bekäme: als Mensch nehme ich dich an, aber deine gelebten Gefühle der Liebe zu deinem Partner sind Sünde? Wie würde es mir selbst gehen, wenn meine Kirche, die mir wichtig ist, für die ich mich vielleicht engagiere, das als offizielle Position vertritt? Wer nachvollziehen will, warum wir in den Kirchen unsere Position zur Homosexualität überdenken, muss diese zutiefst biblisch motivierte Grundlage dafür verstehen.
  7. Unser Werben für Ehe und verbindliches Zusammenleben nützt nichts, wenn es nur als Norm hochgehalten wird. Genauso wichtig ist, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass das auch gelebt werden kann. Die meisten Menschen träumen von einer lebenslangen verbindlichen Partnerschaft. Die Ehe ist grundsätzlich auch bei jungen Leuten hoch im Kurs. Und trotzdem scheitern die Menschen so oft daran. Nicht das Wollen ist das Problem, sondern das Können. Wir müssten als Kirche viel mehr darüber nachdenken, wie wir dazu beitragen können, dass Menschen zu Ehe und verbindlichem Zusammenleben befähigt werden.

Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch das Interview des Arbeitskreis bekennender Christen mit Bedford-Strohm, veröffentlicht in den ABC-Nachrichten.

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