Bericht über Demos

So Servus erstmal,
hier kommt nun endlich mein erster richtiger Bericht, zu gegebenem Anlass geht es um die politischen Unruhen hier.

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Vorneweg möchte ich sagen, dass wir in unserem Camp sehr weit weg von den Demonstrationsorten entfernt wohnen und deswegen keinerlei Gefahr auf uns lauert. Hier seht ihr ein Foto von gestern als ich in Mong Kok war ( Zentrum), wo es seid vorgestern eine neue Gruppierung von Demonstranten gab, die jetzt die größte Straße Hong Kongs blockiert. ( Das ist normalerweise eine 6-spurige Straße in dem Foto)

Foto vom Protest

Doch zuerst möchte ich euch erstmal meine Sicht der Dinge erzählen und auch was hier los ist und alles drum rum.

1. Ursache

2017 sollten die ersten freien demokratischen Wahlen stattfinden, welche jetzt aber von der chinesischen Regierung letztendlich doch verweigert wurden, indem sie nur 2 (oder evtl. auch 3) Kandidaten zur Verfügung stellen werden, die nebenbei auch noch der kommunistischen Regierung aus China treu sind. Das hat die Bevölkerung dazu veranlasst erste Demos zu veranstalten, die schon vor Monaten statt fanden. Das waren jedoch nur relativ kleine Gruppierungen.
Daraufhin baten die Demokraten natürlich zu einem Treffen, um darüber zu diskutieren, was von den Kommunisten natürlich ignoriert wurde, weil das Wort der chinesischen Regierung Gesetz ist und Gegenvorschläge nur auf legalem Weg erreichbar seien. Daraufhin begann die Suche nach 100.000 Unterschriften, mit dessen Erreichen ein Brief an das Weiße Haus geschickt wurde, in dem man Obama um Hilfe gebeten hat. Dessen Wirkung mag ich bezweifeln, aber es ist einen Versuch wert.
Die Gruppen wurden größer und größer und die Gruppe “Occupy Central” wurde gegründet. Ihr Ziel ist lediglich Demokratie in Hong Kong. Der Name heißt übersetzt “Besetzt Central”; Central ist ein Gebiet in Hong Kong im südlichen Kowloon. (siehe Karte später), wo das Regierungsbebäude ist. Dort wollen die Demonstranten sitzen, so lange bis C.Y. Leung, der sowas wie der Bürgermeister Hong Kongs ist, zurück tritt.

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Auf diesen Plakaten sind die verschiedenen Müllsorten draufgeschrieben. Beim linken Plakat steht “normaler Müll” und die Zahl 689, was für die Anzahl der Stimmen steht, die C.Y. Leung bei seiner Wahl bekommen hat. ( von 1000 Stimmen insgesamt; es darf ja nicht jeder wählen) Damit wollen die Demonstranten deutlich machen, dass nur so wenige Leute ihn da sehen wollen, wo er ist!

Wichtig für die Mitglieder ist friedliches Vorgehen, was immer wieder betont wird! Vor ein paar Tagen kam dann schließlich die Polizei ins Spiel.

Da Hong Kong ein Land mit 2 Systemen ist ( halb demokratisch, halb kommunistisch) ist Demonstrieren ein Grundrecht, aber nur wenn es vorher gemeldet worden ist. Während der letzten Woche von Montag bis Freitag war es “legal” zu demonstrieren, was auch getan wurde. Dies wurde aber von der Regierung nicht beachtet wohl wissend, dass am letzten Samstag alles wieder “illegal” ist. Die Demonstranten blieben aber natürlich und deswegen griff die Polizei am Samstag nach mehreren Bitten zum Rückzug zu Tränengas, das völlig ohne nachvollziehbaren Grund eingesetzt wurde, da die Demonstranten 100% friedlich agieren. Die Begründung für diese Politiker sei, dass die Proteste illegal seien und die allgemeine Sicherheit Hong Kongs gefährde. ( Die Ironie ist, dass die Polizei für die einzigen Unruhen bisher gesorgt haben)

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https://www.youtube.com/watch?v=yWsEyDrogX0

Auf diesem Link könnt ihr das sehen: friedliche Demonstranten und plötzlich zeigen die Polizisten ein Schild mit der Aufschrift “Achtung Tränengas” und Sekunden später gehts los. Kommentare wie “Ich hätte niemals geglaubt, dass die Polizei jemals zu solch brutalen Mitteln greifen würde” wurden von überall gehört.
tränengasbombe

Bei diesen Fotos bekommt man einen sehr kriegsähnlichen Eindruck a lá Revolution. In dem Video seht ihr aber wie Fotos das Bild verändern können: es handelt sich lediglich um eine kleine Momentaufnahme. Lasst euch nicht von den News beeinflussen, dass hier angeblich kriegsähliche Zustände seien (noch). Insgesamt ist das eine sehr friedliche Bewegung, die lediglich von der Polizei brutal geführt wird.
Auch greift die Polizei, “Freund und Helfer des Bürgers”, zu Pfefferspray, dessen normale Anwendung aus 3 Meter Entfernung ist und das den Demonstranten direkt ins Gesicht gesprüht wird.

https://www.youtube.com/watch?v=0r4jKkcDA7E

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Protestant, dem das Pfefferspray mit Wasser aus dem Gesicht gewaschen wird.

polizei mtr

Manche U-Bahn- Stationen ( hier heißt die U- Bahn MTR) wurden gesperrt damit die Polizei mobiler ist, da die Sraßen ja geblockt waren/ sind. Aber mittlerweile ist alles wieder normal im MTR- Bereich.

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Die Leute in den ersten Reihe tragen eine spezielle Schutzkleidung gegen Pfefferspray bestehend aus Schutzbrille, Plastikhülle und Regenschirme. Die Regenschirme sind umgewölbt, weil das das Spray auffängt und somit nicht zu der Person dahinter weitergeleitet wird. Es herrschen zur Zeit Temperaturen von 30 Grad: stell dir das jetzt in einer Plastikhülle vor, wo der Schwitzmechanismus komplett nutzlos wird und es einfach unerträglich heiß drinnen wird.
Durch den massenhaften Gebrauch von Regenschirmen wurde dieser zu einem Symbol der Proteste.
Da das Wetter hier in sekundenschnelle sich ändern kann, hat jeder sowieso einen dabei und bei den Protesten wird er zur Verteidigung genutzt. Dadurch kam es zu der Bezeichung „Umbrella Revolution“   ( =Regenschirm- Revolution), was jedoch den Protestanten nicht gefiel, da das Wort Revolution zu krass sei. Deswegen heißt es jetzt „Umbrella Movement“( =Regenschirm- Bewegung). Bei jedem Post im Internet findet man deshalb die Tags „Umbrella Movement“ und „Occupy Central“.

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Auch tragen alle Demonstranten als Zeichen der Einheit gelbe Bändchen: entweder um das Handgelenk ( wie ich ) oder als Schlaufe am T- Shirt. Auch haben praktisch alle Hongkonger ihr Facebook- Profilbild auf dieses gelbe Bändchen geändert.

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Das unfassbarste ist jedoch die Tatsache, dass die Journalisten komplette Bewegungsfreiheit haben. Sie filmen und fotografieren ALLES, wobei Journalisten auch mal schnell unters Schussfeuer kommen können. Jedoch frage ich mich, wieso die Polizei das alles macht, obwohl jede einzelne Aktion im LIVE- TV zu beobachten ist. Sie agieren jedenfalls, als ob sie unbeobachtet wären.
2. weiterer Verlauf

Die zu erwartende Reaktion, Gewalt, blieb aus. Jedoch war dies praktisch der Dammbruch, der das Leben in Hong Kong auf den Kopf gestellt hat:
– Streiks: am Montag streikten 90.000 Lehrer
– Schüler- und Studentenboykott: viele Schüler und Studenten besuchen keine Schulen/ Units mehr
– enorme Zunahme der Protestanten, die sich auf den größten Straßen Hong Kongs breit gemacht haben und
somit den Hauptverkehr blockieren
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Sitzboykott bei Jackys (mein bester Kumpel hier) Uni
mongkok oben
Blick von oben auf Mong Kok, wo ich auch 1,5h saß und wo bisher auch noch nichts passiert ist.

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Durch die Sitzboykotte auf den Straßen kann man jetzt auf den Straßen laufen, was normalerweise eine lebensmüde Aktion wäre.
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Mülleimer, kauptte Holzzäune und Müll damit kein Autofahrer auf verrückte Ideen kommt.

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Hier haben wir sogar Bushaltestellenschilder mitten auf der Straße gefunden. Aber zur Zeit kann man lange auf nen Bus warten.

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Solche Schilder findet man hier wirklich ÜBERALL: es geht darum, dass die Regierung sich über den „Zivilen Ungehorsam“ beschwert, worauf die Nürnberger Prinzipien IV eine Antwort hat, nämlich, dass man auch gegen das Gesetz agieren darf, wenn es moralisch nachvollziebar ist.

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Man findet auch viele verschiedene Arten von Ausdrucksmethoden: das hier ist eine etwas krassere. C.Y. Leung ist der “Bürgermeister” und der andere ist der Polizeioberst, der versucht mit “minimaler Gewalt” das Problem zu lösen.

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Hier sieht man, wie die Protestanten wirklich außschließlich mit friedlichen Methoden ihre Meinung ausdrücken wollen. Durch das Hochheben der Hände wollen sie das immer klarstellen.
Das unglaubliche ist jedoch, dass die Leute teils von 5 Polizisten rücksichtslos „gefangen“ genommen wurden, obwohl diese nur die Arme hochheben und sich auch nicht wehren und dadurch doch etwas mehr Respekt verdient hätten.

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Das ist das Gegenstück: schwer bewaffnete Polizisten, was absolut lächerlich ist, da bisher ( 1.10.2014) noch kein Fall bekannt ist, in dem ein Polizist angegriffen worden ist.

vergleich

Übersetzung: Könnt ihr fassen, dass das Hong Kong ist? – Regenschirm, Maske & Schutzbrille gegen Tränengas – Und uns beschuldigt man des Gewaltverbrechens.

Heute (1.10.2014) war Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China. Deswegen ist ein hoher Politiker heute nach Hong Kong gekommen, um dies zu feiern. Da C.Y. Leung jedoch keine Kontrolle über die Stadt hatte, dachte man wäre dies eine Schande für ihn, die er mit allen Mitteln zu verhindern versuchen wüsste. Aufgrund dieser Vermutung rechnete man mit einer „Reinigung“ am Tag vorher, was aber (überraschenderweise) nicht geschah. Auch heute blieb alles ruhig und man fragt sich, was die Politiker hier planen, da irgendwie nichts passiert; seit 3 Tagen nun schon.

3. Stimmung

Im Zentrum merkt man, dass an normalerweise überfüllten Orten jetzt relativ wenig los ist. Die Stimmung ist sehr angespannt, denn keiner weiß was passieren wird, wann die Polizei wieder zuschlagen wird. Es herrscht eine gewisse Unsicherheit, auch wird die Anzahl der Demonstranten immer weniger.
Andererseits ist hier eine „Wir sind alle eine Familie“- Stimmung. Jeder hilft scheinbar jedem, weil man der Polizei und Regierung Geschlossenheit zeigen will und gleichzeitig auch mit gutem Beispiel vorangehen will. Beispiel: Sobald ein Demonstrant auch nur Anzeichen macht, Gewalt anwenden zu wollen, werden ihn andere Leute sofort zurück ziehen und beruhigen, damit man der Polizei kein Argument gibt anzugreifen. Auch wird in der MTR nicht mehr so viel rumgeschubst.
Lehrer geben Englischnachhilfe auf der Straße, während Schüler ihre Hausaufgaben erledigen. Überall findet man Schilder, an denen sich die Demonstranten für die Blockaden entschuldigen.
Essen und Trinken wird von „Sponsoren“ ( bzw. von Leuten, die arbeiten müssen, aber dennoch mithelfen wollen) geliefert und einfach rumgereicht und wenn man etwas will, nimmt man es sich einfach ohne etwas zu bezahlen. Die Straßen sind extrem sauber, da die Leute ihren Dreck selber sofort aufräumen ( wohl auch, weil es nix besseres zu tun gibt, da die Polizei relativ inaktiv ist zur Zeit).
Und der für mich größte Beweis, dass die Demonstranten friedlich sind ist die Tatsache, dass noch kein Sachschaden an Autos, Geschäften o.ä. durch Protestanten gemeldet wurde!

Lustige Geschichte:
Der Chef der Krankenhäuser ( keine Ahnung wie ich den nennen soll; auch auf Seiten der Politiker) hat sich massiv beschwert, dass die Demonstranten die Fahrtwege der Krankenwagen blockieren und dadurch Leuten nicht rechtzeitig geholfen werden kann, weil die Ärzte stattdessen die MTR nutzen müssten. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: die MTR veröffentlichte daraufhin die Anzahl der Opfer in diesem Sachbezug: 0 ( in Worten „NULL“). *au! peinlich*
Einen Tag später wurde dieser Chef darauf angesprochen und er brachte lediglich ein „ So hab ich das nicht gemeint“ raus.
Nichts wird unversucht gelassen…
Glückwunsch an jeden, der es bis hierher geschafft hat: Es ist vorbei!
Ich hoffe ihr habt jetzt einen tieferen Eindruck von allem.
Euer Paul

Hier noch eine kleine passende Grafik:

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Government: Regierung

People: Leute

Paf: Paff